87.143.142.139 (Diskussion) (zurückgeändert, Ausdruck scheint doch korrekt zu sein. Entschuldigen Sie die bitte die Umstände.) |
imported>Godung Gwahag |
||
Zeile 1: | Zeile 1: | ||
Der '''Zeitentwicklungsoperator''' ist ein [[Quantenmechanik|quantenmechanischer]] [[linearer Operator|Operator]], mit dem sich die [[Zeitentwicklung|zeitliche Entwicklung]] eines [[Physikalisches System|physikalischen Systems]] berechnen lässt. Der quantenmechanische Operator ist eng verwandt mit dem [[Propagator]] in der [[Quantenfeldtheorie|Quantenfeld-]] oder [[Vielteilchentheorie]]. Üblicherweise wird er | Der '''Zeitentwicklungsoperator''' <math>U</math> ist ein [[Quantenmechanik|quantenmechanischer]] [[linearer Operator|Operator]], mit dem sich die [[Zeitentwicklung|zeitliche Entwicklung]] eines [[Physikalisches System|physikalischen Systems]] berechnen lässt. Der quantenmechanische Operator ist eng verwandt mit dem [[Propagator]] in der [[Quantenfeldtheorie|Quantenfeld-]] oder [[Vielteilchentheorie]]. Üblicherweise wird er als <math>U(t, t_0)</math> geschrieben und bezeichnet die Entwicklung des Systems vom Zeitpunkt <math>t_0</math> zum Zeitpunkt <math>t</math>. | ||
== Konstruktion == | == Konstruktion == | ||
Die Konstruktion des Zeitentwicklungsoperators kann über die formale Exponentiation der [[Schrödingergleichung]] oder direkt über seine Eigenschaften erfolgen. | Die Konstruktion des Zeitentwicklungsoperators kann über die formale [[Potenz (Mathematik)|Exponentiation]] der [[Schrödingergleichung]] oder direkt über seine Eigenschaften erfolgen. | ||
=== Über die Exponentiation der Schrödingergleichung === | |||
Der Zeitentwicklungsoperator <math>U(t, t_0)</math> wird definiert über die Zeitentwicklung eines beliebigen [[Zustand (Quantenmechanik)|Zustand]]es <math>|\psi \rangle</math> zu einem Zeitpunkt <math>t_0</math> bis zum Zeitpunkt <math>t</math>: | |||
:<math>|\psi(t)\rangle = U(t, t_0) \, |\psi(t_0)\rangle \quad \forall|\psi\rangle</math> | |||
: | Einsetzen in die Schrödingergleichung liefert einen Satz [[gewöhnliche Differentialgleichung|gewöhnlicher Differentialgleichungen]] 1. Ordnung: | ||
:<math>\mathrm i \hbar \tfrac \partial{\partial t} U(t,t_0) = H(t) \, U(t, t_0)</math> | |||
Diese Gleichungen sind zur Schrödingergleichung insofern äquivalent, als sie die Erweiterung des Zeitentwicklungsoperators um einen [[infinitesimal]]en Zeitschritt <math>\delta t</math> beschreiben: | |||
:<math>U(t + \delta t, t_0) = (1 - \tfrac{\mathrm i}{\hbar} H(t) \, \delta t) \, U(t, t_0) + O(\delta t^2)</math> | |||
mit dem [[Hamiltonoperator]] <math>H</math>, der den [[Erzeuger (Algebra)|Erzeuger]] der Zeitentwicklungen darstellt. | |||
Eigenschaften | Aus diesen Gleichungen können einige Eigenschaften von <math>U(t, t_0)</math> abgelesen werden: | ||
# [[Stetiger Operator|Kontinuität]]: <math>U(t_0, t_0) = 1</math> | |||
# [[Unitärer Operator|Unitarität]]: <math>U^\dagger(t, t_0) \, U(t, t_0) = 1</math> | |||
# [[Propagator]]<nowiki/>eigenschaft: <math>U(t, t_0) = U(t, t^\prime) \, U(t^\prime, t_0) \quad \forall t^\prime</math> | |||
Kontinuität und Propagatoreigenschaft folgen direkt aus der Definition von <math>U</math>. Die Unitarität folgt aus der [[Selbstadjungiert]]heit von <math>H</math> und sichert die Erhaltung der [[Norm (Mathematik)|Norm]] und damit der Gesamtwahrscheinlichkeit: | |||
:<math>\langle \psi(t)| \psi(t)\rangle = \langle \psi(t_0)|U^\dagger(t, t_0) \, U(t,t_0) |\psi(t_0)\rangle | |||
= \langle \psi(t_0)| \psi(t_0)\rangle</math> | |||
=== Über die Eigenschaften des Operators === | |||
Umgekehrt kann auch die Zeitentwicklung als Ausgangspunkt genommen werden: Das System wird durch einen Zeitentwicklungsoperator <math>U(t, t_0)</math> definiert, der den o. g. Kriterien 1 bis 3 genügen muss. Dann kann gezeigt werden, dass dieser durch einen selbstadjungierten Operator <math>H(t)</math> erzeugt wird, womit die Brücke zum Hamiltonoperator und zur Schrödingergleichung geschlagen ist. | |||
== Explizite Form == | == Explizite Form == | ||
Aus der Schrödingergleichung erhalten wir zunächst nur die infinitesimale Form des Zeitentwicklungsoperators (siehe oben): | Aus der Schrödingergleichung erhalten wir zunächst nur die infinitesimale Form des Zeitentwicklungsoperators (siehe oben): | ||
:<math>U(t+\delta t,t) = 1 - \tfrac{\mathrm i}{\hbar} H(t)\delta t + O(\delta t | :<math>U(t+\delta t,t) = 1 - \tfrac{\mathrm i}{\hbar} H(t) \, \delta t + O(\delta t^2)</math> | ||
Endliche Zeitentwicklungen erhält man grob gesprochen entweder durch Verknüpfung | Endliche Zeitentwicklungen erhält man grob gesprochen entweder durch Verknüpfung unendlich vieler infinitesimaler Zeitschritte oder durch eine [[Reihenentwicklung]]. | ||
=== Zeitunabhängige Systeme === | === Zeitunabhängige Systeme === | ||
Zeile 52: | Zeile 56: | ||
:<math>U(t,t_0) = \sum_n \exp\left(-\tfrac{\mathrm i}{\hbar} E_n(t-t_0) \right) |n\rangle\langle n|</math>, | :<math>U(t,t_0) = \sum_n \exp\left(-\tfrac{\mathrm i}{\hbar} E_n(t-t_0) \right) |n\rangle\langle n|</math>, | ||
wobei <math>{|n\rangle}</math> die Energieeigenbasis (<math>H|n\rangle=E_n|n\rangle</math>) darstellt <ref group="NB">Die Formel gilt in dieser Form nur für abzählbare Basen. Sie kann aber auch auf kontinuierliche Spektren verallgemeinert werden (siehe auch [[Spektralsatz]]).</ref>. Diese Form passt mit der Lösung der zeitseparierten Schrödingergleichung zusammen. | wobei <math>{|n\rangle}</math> die Energieeigenbasis (<math>H|n\rangle=E_n|n\rangle</math>) darstellt<ref group="NB">Die Formel gilt in dieser Form nur für abzählbare Basen. Sie kann aber auch auf kontinuierliche Spektren verallgemeinert werden (siehe auch [[Spektralsatz]]).</ref>. Diese Form passt mit der Lösung der zeitseparierten Schrödingergleichung zusammen. | ||
=== Explizit zeitabhängige Systeme === | === Explizit zeitabhängige Systeme === | ||
Zeile 65: | Zeile 69: | ||
:<math>U(t,t_0) = \lim_{\delta t\to 0} \prod_{t_i} \left(1 - \tfrac{\mathrm i}{\hbar} H(t_i) \delta t \right) | :<math>U(t,t_0) = \lim_{\delta t\to 0} \prod_{t_i} \left(1 - \tfrac{\mathrm i}{\hbar} H(t_i) \delta t \right) | ||
=: \prod_{\tau=t_0}^t \left(1 - \tfrac{\mathrm i}{\hbar} H(\tau) d\tau \right)</math> | =: \prod_{\tau=t_0}^t \left(1 - \tfrac{\mathrm i}{\hbar} H(\tau) d\tau \right)</math> | ||
Dieses Bild der aneinandergereihten kleinen Zeitschritte („time slicing“) ist eine wesentliche Zutat für die Definition des [[Pfadintegral]]s. Für praktische Rechnungen betreibt man in der Regel [[Störungstheorie (Quantenmechanik)#Zeitabhängige Störungstheorie|Zeitabhängige Störungstheorie]], bei der man eine Reihenentwicklung für <math>U</math> in die Schrödingergleichung in Integralform einsetzt. Die Störungsreihe ergibt sich dann zur sogenannten [[ | Dieses Bild der aneinandergereihten kleinen Zeitschritte („time slicing“) ist eine wesentliche Zutat für die Definition des [[Pfadintegral]]s. Für praktische Rechnungen betreibt man in der Regel [[Störungstheorie (Quantenmechanik)#Zeitabhängige Störungstheorie|Zeitabhängige Störungstheorie]], bei der man eine Reihenentwicklung für <math>U</math> in die Schrödingergleichung in Integralform einsetzt. Die Störungsreihe ergibt sich dann zur sogenannten [[Störungstheorie (Quantenmechanik)#Dyson-Reihe des Zeitentwicklungsoperators|Dyson-Reihe]]: | ||
:<math>U(t,t_0) = \sum_{n=0}^\infty \left(-\frac{\mathrm{i}}{\hbar}\right)^n | :<math>U(t,t_0) = \sum_{n=0}^\infty \left(-\frac{\mathrm{i}}{\hbar}\right)^n |
Der Zeitentwicklungsoperator
Die Konstruktion des Zeitentwicklungsoperators kann über die formale Exponentiation der Schrödingergleichung oder direkt über seine Eigenschaften erfolgen.
Der Zeitentwicklungsoperator
Einsetzen in die Schrödingergleichung liefert einen Satz gewöhnlicher Differentialgleichungen 1. Ordnung:
Diese Gleichungen sind zur Schrödingergleichung insofern äquivalent, als sie die Erweiterung des Zeitentwicklungsoperators um einen infinitesimalen Zeitschritt
mit dem Hamiltonoperator
Aus diesen Gleichungen können einige Eigenschaften von
Kontinuität und Propagatoreigenschaft folgen direkt aus der Definition von
Umgekehrt kann auch die Zeitentwicklung als Ausgangspunkt genommen werden: Das System wird durch einen Zeitentwicklungsoperator
Aus der Schrödingergleichung erhalten wir zunächst nur die infinitesimale Form des Zeitentwicklungsoperators (siehe oben):
Endliche Zeitentwicklungen erhält man grob gesprochen entweder durch Verknüpfung unendlich vieler infinitesimaler Zeitschritte oder durch eine Reihenentwicklung.
Falls der Hamiltonoperator
Dasselbe Ergebnis folgt auch direkt aus der Schrödingergleichung für
Für praktische Rechnungen verwendet man meist die Spektraldarstellung des Zeitentwicklungsoperators, bei der der „unpraktische“ Operator im Exponenten zu einem Phasenfaktor wird:
wobei
Ist
In der Regel ist dies nicht der Fall und man muss eine der beiden obigen Techniken für zeitunabhängige Systeme verallgemeinern, um zu einer Lösung zu kommen.
Betrachtet man die Zeitentwicklung wieder als Aneinanderreihung kleiner (in diesem Fall nicht äquivalenter) Zeitschritte
Dieses Bild der aneinandergereihten kleinen Zeitschritte („time slicing“) ist eine wesentliche Zutat für die Definition des Pfadintegrals. Für praktische Rechnungen betreibt man in der Regel Zeitabhängige Störungstheorie, bei der man eine Reihenentwicklung für
mit dem Zeitordnungs-Operator